DER SEELE FOLGEN

Wir sind gewohnt, im Schmerz zu leben, wir sind so aufgewachsen, im Schmerz zu leben, dass wir den Unterschied gar nicht wissen, wie es ist, nicht im Schmerz zu existieren. Tag für Tag gehen wir unserem Alltag nach im Schmerz, in dem, der täglich uns neu widerfährt, in dem, der in der Vergangenheit seinen Ursprung hat und in dem diffusen, der, wenn er nicht schlummert, manches Mal hervorbricht, bis er wieder zurückgedrängt wird.
Wir sind es gewohnt, unserem Alltag eine feste Struktur zu geben, ein timing zu geben, eine strenge Form zu geben . Wir sind es gewohnt. Und wenn die Struktur und die Form sich verselbstständigen, wenn die Form wichtiger wird als der Inhalt, der uns antreibt, wenn die Form sich verkrustet und wir gewohnt sind, mit diesen Verkrustungen zu leben und zu funktionieren, weil wir den Unterschied nicht kennen, wie es ist, wenn die Verkrustung zerbirst und die Energie wieder zu fließen beginnt….
Mit eingeengtem Blick, hochgezogenen Schultern, flacher Atmung, verkrampftem Magen, mit Leid vernebeltem Herzen gehen wir Tag für Tag den Ablauf unseres eingespielten Lebens nach und stehen, hilfesuchend Geschöpfen gegenüber, Vierbeinern als Seelentröster, die uns den Tag leichter machen, schneller vergehen lassen, lustiger gestalten, uns ein Lächeln abringend. Diese Vierbeiner leben unser Leben, unseren Blickwinkel und unseren Lebenshorizont mit, das sichert ihnen ihr Überleben, weil wir es so wollen. Und weil es ihr Überleben sichert, gehen sie in den Schmerz, unseren Schmerz, sie gehen in das Leid und sie gehen in die Pein, die wir ihnen zufügen, weil wir es nicht anders wissen, weil wir meinen, dass sie ebenfalls genauso wie wir, das Leben zu leben haben wie wir es für uns wahrnehmen, gewohnt sind. Für uns in der Form des Funktionierens, für uns in der Form des Gehorchens, für uns in der Form des Ablieferns, für uns in der Form des Erfüllens, für uns in der Form des Benützens und Gebrauchens, Ausnützens und Verbrauchens . Und die tierischen Seelen erfahren Schmerz, in der Gegenwart, und Pein mittragend, aus der Vergangenheit. Und sie sind auch noch bereit, die Pein in der Zukunft mitzutragen, für sich selbst, für ihre Herde, führe ihre Versorger, die Menschen, weil die Menschen ihr Überleben sichern.
Jedoch, wenn wir einen Moment innehalten, und unser tierisches Gegenüber fragen, wer bist du, wie hast du früher in der Wildnis überlebt und gelebt, welches Wissen hast du für mich bereit, als dein Versorger, wie willst du mit mir leben in deiner Art, auf unser beider Weise, du und ich, ein Leben schaffend, für mich und für dich schaffend, unseren Seelen folgend, und nach dem Herzen handelnd.
Handeln mit dem Wissen um deine Art, dem Offenbaren unserer Art dir gegenüber. Handeln, deinen tierischen Seelenbedürfnissen folgend, um sie gemeinsam mit unseren Wünschen zu Licht und Freude zu führen und unser beider Schmerz hinter uns lassend. Wenn wir einen Moment innehalten und die Weite, einer Prärie gleich, an Möglichkeiten in Betracht ziehen, und den alten verhärtenden, einengenden Weg mit begrenztem Fokus hinter uns lassen, um uns zu erinnern, was weit hinter dem Vorhang des Schmerzes war, um zu verstehen, was noch alles möglich ist, was noch alles sein kann und sein darf und was noch alles spürbar, erlebbar wird, in Wohlwollen und Mitgefühl, in Dialog miteinander. Wir , mit unseren Vierbeinern, die Tag für Tag für uns arbeiten, sie uns den Tag erleichtern, schneller vergehen lassen, lustiger gestalten, uns ein Lächeln abringen. Jene tierischen Seelen, die Tag für Tag angewiesen sind auf unser Wohlwollen, weil es ihr Überleben sichert, mit ihrem Wissen, das viel älter ist als wir selbst, wir, ihren Seelen folgend und auf unsere hörend.

Text A.B., © Astrid Bayer, all rights reserved